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Demenz und Körper-Wahrnehmung

| Tabea Anderfuhren | Leben mit Demenz
Demenz und Körper-Wahrnehmung

Wenn sich nichts mehr wie früher anfühlt.

Körper­wahrnehmung besteht aus vielen verschiedenen Komponenten und ist einmalig individuell. Unsere Herkunft, Erziehung und unsere Erlebnisse prägen unsere Körperwahrnehmung und unsere Reaktionen auf Erlebtes.

Unsere Körperwahrnehmung besteht aus Fern- und Nahsinnen.

Fernsinne

  • Hören (auditive Modalität)
  • Sehen (visuelle Modalität)
  • Riechen (olfaktorische Modalität)

Nahsinne

  • Körpergefühl (Somatosensorik)
  • passives Fühlen durch Berührung (taktile Modalität)
  • aktiver Tastsinn (Haptik)
  • Körperbewegungswahrnehmung (Kinästhetik)
  • Gleichgewichtssinn (vestibuläre Modalität)
  • Schmerzwahrnehmung (Nozizeption)
  • Schmecken (Gustatorik)
  • Tiefenwahrnehmung (Propriozeption)

Bei einem gesunden Menschen arbeiten immer alle Sinne gleichzeitig miteinander. Bei einem Menschen mit einer demenziellen Erkrankung kommt es zu Störungen dieser Wahrnehmungssinne und damit zu Verhalten, die diese Störungen zu kompensieren oder zu verstehen versuchen. Mit einer Gleichgewichtsstörung z.B. kommt die Angst vor Bewegung. Durch verminderte Bewegung nimmt jedoch das eigene Körpergefühl ab und die Störung verstärkt sich.

Menschen mit einer Demenzerkrankung brauchen Impulse, um sich selber spüren zu können. Mit einer Demenz gehen viele verschiedene Verluste einher, darunter auch das Gefühl für den eigenen Körper. Um sich selber zu spüren stimulieren sich Menschen mit einer Demenz selber. Sie suchen nach Körperinformationen. Sie wischen, nesteln, laufen, klatschen, rufen, klopfen, legen sich auf den Boden etc.. Es gilt immer daran zu denken, dass alles, was ein Mensch mit einer Demenzerkrankung tut, einen Sinn hat. Er versucht immer, sich selbst zu spüren.

Zeigt ein Mensch mit einer Demenzerkrankung ein herausforderndes Verhalten, so ist das immer eine Botschaft an die betreuende Person/das betreuende Personal: «Ich fühle mich alleine», «Ich habe Angst»,  «Es ist zu laut», «Ich habe Schmerzen», «Ich muss zur Toilette.», «Ich weiss nicht wo ich bin.», «Mir ist zu kalt/zu heiss», etc..

Es ist unsere Aufgabe, mit viel Verständnis, Empathie, Validation, Fantasie, Humor (wenn dies in die Situation passt), auf den Meschen mit einer Demenz einzugehen, in seine Welt hineinzusehen und versuchen zu verstehen, was er uns mitteilen möchte. Seine Wahrheit ist es, die zählt. Die erkrankte Person kann sich nicht mehr anpassen, das heisst, dass immer die Betreuenden sich an die Welt des Menschen mit einer Demenzerkrankung anpassen müssen.

Es ist hilfreich, sich von Anfang an bewusst zu sein, wie die diagnostizierte Demenz sich am Ende des Lebens der erkrankten Person gestalten wird. Wenn man vom Krankheitsende her betrachtet vorbeugend die Körperwahrnehmung fördert, bleibt diese dem Menschen mit einer demenziellen Erkrankung länger erhalten. Mit Bewegung, Erinnerungspflege, Musik, Berührungen( wenn indiziert), können wir dem Menschen mit einer Demenz helfen, sich besser zu spüren und sich somit besser zu orientieren, zu beruhigen und zufriedener zu sein.