«Ich nütze nichts mehr» – wenn die Hoffnung schwindet
Zum 5. Welttag der Grosseltern und älteren Menschen
«Ich nütze nichts mehr.» Diese vier Worte meines 96-jährigen Grossvaters hallen noch heute in mir nach. Er sagte sie zu mir nach der Beerdigung unserer Grossmutter – leise, resigniert, als hätte er sich bereits aus dem Leben verabschiedet.
Das Motto des diesjährigen Welttags der Grosseltern lautet «Selig, wer seine Hoffnung nicht verloren hat». Aber was passiert, wenn die Hoffnung tatsächlich schwindet?
Wenn das Alter zur Last wird
Altersdepression ist ein Thema, das nicht in unser Bild vom würdevollen Altern passt – von weisen Grosseltern, die ihre Lebenserfahrung mit einem milden Lächeln teilen. Doch in der Realität sind leider in der Schweiz rund 16 Prozent der Frauen und knapp 8 Prozent der Männer über 65 Jahren von einer mittleren bis starken psychischen Belastung betroffen (Quelle: ProSenectute). Mit steigendem Alter und bei Menschen mit Demenz erhöht sich diese Zahl noch einmal deutlich. Die Auslöser sind vielfältig: der Verlust des Partners, körperliche Einschränkungen, das Gefühl, überflüssig geworden zu sein.
Wie wir reagieren können
Wichtig: Das Folgende sind Versuche, die wir als Laien unternehmen können. Wenn die Depression schwer wird oder anhält, braucht es professionelle Hilfe!
Das Leid anerkennen, statt es wegzureden: Bei meiner an Demenz erkrankten Grossmutter, die im Heim oft weinte, weil sie nach Hause wollte, half es nie zu sagen: «Aber du hast es doch gut hier.» Stattdessen versuchte ich es so: «Es tut mir leid, dass es dir so geht. Ich wünschte, es wäre anders.» Sie reichte mir die Hand und dankte mir, dass ich zuhöre. Auch später habe ich sie manchmal einfach in den Arm genommen und wir haben zusammen geweint.
Spiegeln: Bei meinem körperlich gesunden Grossvater, der sich nutzlos fühlte, versuchte ich einen anderen Weg. Ich fragte ihn: «Hast du das von unserer Grossmutter auch gedacht – dass sie nichts mehr nütze?» Er verneinte empört. «Hast du jemals das Gefühl gehabt, unsere Grossmutter sei uns zu viel geworden?». Wieder ein «nein», einfach etwas nachdenklicher. «Dann musst du mir doch glauben, dass wir dich auch nicht als nutzlos ansehen», sagte ich. «Du hast uns so viele Jahrzehnte lang so viel gegeben. Wir geben nun von Herzen gerne zurück.» Er bedankte sich für diese Worte und lächelte wieder.
Frühere Gepflogenheiten ermöglichen: Als mein Grossvater kurze Zeit später selbst ins Pflegeheim zog, zeigte die Altersdepression wieder ihr wüstes Gesicht. Er hat vollends aufgegeben. Es war Weihnachtszeit und er hat jeglichen Service, der über Hospiz hinausging, abgelehnt. Er wollte sterben. Der Umgang mit dieser Situation würde mindestens einen weiteren Blog-Artikel füllen. Für den Moment sei einfach gesagt, es war noch nicht unmittelbar Zeit für ihn. Er musste schon noch ein bisschen ausharren. Ich wusste lange nicht, wie ich ihm diese Zeit ein bisschen erträglicher machen konnte. Als ich eines Tages verzweifelt in einer Bäckerei stand, um für ihn etwas Süsses (er hätte sich von Crèmeschnitten ernähren können) zu kaufen, fiel mein Blick auf einen Stapel kleine, liebevoll mit Geschenkpapier verpackte Schächteli. Und plötzlich dachte ich daran, dass er seinem Besuch immer irgendein Geschenk auf den Weg mitgab. Ich kaufte also 10 von diesen «Gschenkli» und brachte sie ihm vorbei mit den Worten: «Schau mal, die kannst du selber essen oder verschenken, wenn du findest, dass jemand eins verdient (Spoiler: Ich habe keins bekommen, aber meine Tante drei Stück… 😆). Vor dem nächsten Besuch rief er mich an und sagte: «Kannst du nochmals 15 von diesen «Gschenklis» bringen? Ich hätte in Tränen ausbrechen können. Das war sein erster Wunsch seit langem, der nicht mit seiner Beerdigung zu tun hatte.
Jeder Mensch hat eine Aufgabe
Was auch immer gut geholfen hat – und was ich aus tiefstem Herzen glaube – war das Zitat von Papst Franziskus, dass jeder Mensch eine Aufgabe hat. Jeder und immer. Auch mein Grossvater hatte noch eine Aufgabe, auch wenn er sie selbst nicht sehen konnte.
Wir machen oft den Fehler zu glauben, dass nur das Geben wertvoll ist. «Geben ist seliger als nehmen» – dabei vergessen wir, dass das auch bedeutet, dass wir jemandem etwas Gutes tun, wenn wir ihn geben lassen. Ein Mensch, der nichts annehmen will, beraubte sich selbst der Möglichkeit zu geben. Im Umgang mit älteren Menschen – ob sie Demenz haben oder nicht – lernen wir auch, was uns selbst erwartet. Wir lernen Empathie und vielleicht, was wir alles noch tun sollten, solange wir können.
Bis zum Schluss
Mein Grossvater kämpfte bis zum Schluss mit dem Gedanken, dass er nichts mehr nütze. Erst auf seinem Sterbebett hat er sich damit versöhnt und stellte sich der Aufgabe, die eben auch ein Sterbender noch hat: Uns Liebe geben und Dankbarkeit zeigen zu lassen. Auch er sagte uns mit letzter Kraft noch «Danke» – mit einer Geste, denn sprechen konnte er bereits nicht mehr. Und er liess unsere Hände nicht mehr los und drückte sie fester, wenn wir sagten, dass wir nun gehen würden. Was wir nicht sagten, weil wir gehen wollten, sondern aus Respekt, weil er uns ansonsten jeweils weggeschickt hatte, wenn er müde wurde. Er wollte uns möglichst nicht belasten. Es war auf eine ganz eigene Art wunderschön, dass er am Ende seines Lebens diese Wand herunter liess und uns als Familie gemeinsam durch diese Zeit gehen liess. Jede und jeder konnte auf seine Art teilhaben – und gehen, wann er oder sie es wollte, und nicht aus Unsicherheit, ob er nicht lieber alleine wäre.
Hoffnung schenken
Hoffnung ist nicht etwas, das wir einfach haben oder nicht. Es ist etwas, das wir einander schenken können. Vielleicht können wir den älteren Menschen in unserem Leben heute etwas Liebes sagen. Denn manchmal braucht es nur unsere Worte, um die Hoffnung wieder zum Leben zu erwecken.
Der Wert eines Menschen liegt nicht in seiner Leistung oder Unabhängigkeit. Er liegt in seinem Sein.
